
„Ein Zeichen setzen“, sichtbar als Kontrast auf einem Untergrund, bedeutet in Grimms Wörterbuch „das, was auf etwas weist, die Vorstellung von etwas wachruft“. Dementsprechend heißt „zeichnen“, materiell dieses Zeichen zu setzen und gleichzeitig damit etwas zu zeigen, zu kennzeichnen, darzustellen oder auszudrücken. Diese Wortgeschichte ist historisch gebunden an die Übertragung von „sichtbaren oder vorgestellten Vorbildern“ (Grimm) in eine Zeichnung. Und damit nur die halbe Wahrheit. Denn nicht erst in der Moderne, auch in der Steinzeit bereits gab es Zeichnungen, die ohne Vorbild auskamen, rhythmische Abstraktion beispielsweise, die sich nach heutigem Wissen rein selbst darstellte.
Französisch heißt zeichnen „dessiner“, darin steckt das Wort „signe“ für Zeichen. Die Engländer dagegen sagen „to draw“: ziehen, was aus dem Handwerk des Wolleziehens stammt. Daran gut anknüpfen können die Künstler*innen, die ihre Linien mit Fäden ziehen. In diesem metaphorischen Sprachgebrauch ist es zudem ausgeschlossen, die Zeichnung materiell auf den Nukleus Punkt oder das Hell-Dunkel als Basis-Tatbestand zu beschränken, wie es in der Kunstwissenschaft vor einigen Jahren diskutiert wurde. Der Punkt ist zwar das kleinste Element der Zeichnung, das steht schon in den Theoriewerken von Klee und Kandinsky, aber der Punkt oder der Fleck, der Klecks, heute auch Pixel, das sind Ruhepunkte, statische Ausgangspunkte für das Ziehen einer Linie, womit die Zeichnung erst anfängt aktiv zu werden.
Wenn wir zwei Punkte setzen, sehen wir bereits eine imaginäre Linie. Erst damit wird es spannend. Weitere Basis-Elemente der Zeichnung sind die Fläche und der Raum, auf und in dem sich der Strich bewegt, und auch die Zeit, um große Zeichenfelder zu begehen (von der Steinzeit-Höhle bis zur modernen Land-Art). Eine vertikale Strecke vermittelt unserem Gestaltsehen die Assoziation einer aufrechten Figur. Schon eine kürzere Vertikale daneben schafft Raum durch die Illusion perspektivischer Verkleinerung. Eine waagerechte Linie können wir nicht anders als Horizont sehen, der die Fläche in den betrachternahen Grund und die himmlische Weite darüber teilt. Ein schräger Strich durch das Ganze kann Zeitachse, Fluchtlinie oder einen Gegenstand wie „Windmühle“ bedeuten, er kann aber auch das Spiel beenden: ungültig. Ansonsten, wenn das Spiel weitergeht, eröffnen sich unendliche Möglichkeiten.
Die Linie ist eben einfach ein Strich und gleichzeitig etwas, was unser leibräumlich grundiertes und kulturell geformtes Denken bewegt. Sie kann aufzeichnen oder registrieren; analysieren; erproben oder erfinden; etwas setzen im Sinne von behaupten; markieren oder eine Spur legen und anderes mehr. Dabei ist sie immer eine Form von Abstraktion, auch wenn es sich um eine gegenständlich realistische Zeichnung handelt. Ein wesentliches Mittel der Linie, Figuren und Objekte zu bezeichnen, ist die Kontur, die Umrisslinie, die das Vorbild einfängt. Man wird diese Linie am Gegenstand nicht finden; sobald man ihn dreht und wendet, sieht die Kontur anders aus. Sie beruht auf der abstrahierenden Sichtweise. Eine kulturelle Fähigkeit, die aber wahrscheinlich der Natur abgeschaut ist: Wenn die Sonne den Schatten eines Tieres auf eine Fläche wirft, sehen wir eine Kontur.
Halten wir fest, dass die Linie als Grundelement aller Zeichnung sowohl sich selbst genügen, als auch vielerlei Funktionen (nicht nur in der Kunst) haben kann. Einige Künstler*innen haben versucht, die Linie von jeglicher subjektiver Bedeutung frei zu halten, um auf diese Weise neue Bereiche des Sichtbaren zu erschließen. Ob es jemals ganz gelungen ist, die Persönlichkeit und ihre Handschrift auszuschalten, scheint mehr als fraglich. Selbst, wenn mechanische Konstruktionen – Zeichnungsapparate und Zufallsgeneratoren aller Art wurden dazu erfunden – die Hand des zeichnenden Subjekts ersetzen und damit die Linie nicht direkt auf ihren Autor zurückverweist, bleibt das Arrangement gestaltet. Und jede Gestaltung bedeutet etwas – eine Absicht, eine Sichtweise. Neu kann sie immerhin sein – dazu eignet sich die bewegte Linie sehr gut.
„Die Faszination des Zeichnens“ ist das Thema der offenen Gesprächsrunde „Kunst & Brot“ am Donnerstag, 12. März, ab 18 Uhr in der Stadtbibliothek Siegburg, Griesgasse.
Zum Thema „Zeichnen“ folgen hier drei weitere Beiträge.







