
Wenn der Maler auf die Tube drückt – dann quillt Farbe heraus. Der Vorgang wie das Ergebnis ist Ausdruck, im materiellen Sinn. In diesem Sinn aber spielt der Begriff in der Kunst so gut wie keine Rolle. Dagegen ist die Metapher „Ausdruck“ überaus häufig; sie wird sogar arg strapaziert.
Kaum ein Text über Zeichnung, Malerei oder Plastik, über Tanz oder Musik, Lyrik natürlich auch kommt ohne ihn aus. Immer wird etwas ausgedrückt. In der Stil- und Epochenbezeichnung „Expressionismus“ (der klassische, der abstrakte, der gestische) wird der Begriff zur allgemeinen Deutungsgrundlage. Die Metapher „Ausdruck“ hat den Vorzug, den manche Sprachbilder haben: Sie ist keineswegs präzise, festgelegt, sondern überaus flexibel anwendbar und anschlussfähig. Das erleichtert die Kommunikation in der Breite.
Anders als im alltäglichen Ausdruck, der spontan aus dem Gefühl kommt, kurzlebig und situativ gebunden ist, haben wir es in der Kunst mit bewusst gestalteten und fixierten Formen zu tun. Auch wenn das Werk ebenfalls spontan und gefühlsbetont entsteht, neben allen Anteilen von Rationalität, ist es eine Darbietung im Kunstkontext, ein ästhetisches Phänomen mit nachvollziehbarer Rhetorik.
Es geht demnach nicht darum, das verborgene Innere der Künstler*innenpsyche zu entschlüsseln, was man lange geglaubt hat tun zu können, sondern die Werkinterpretation – der sich ja noch viele andere Aspekte und Kontexte anbieten – befasst sich mit der Darstellung. Welcher Ausdruck wird dargeboten, welchen Eindruck soll das machen und macht es tatsächlich?
Vergessen wir also den Überdruck, der Grundlage des (kaum zu verhindernden) künstlerischen Ausdrucks sein sollte. Eine Diagnose, die dem Image der überschäumenden „Sprudelgeister“ der Geniezeit und deren Nachfahren förderlich war, die naiven oder gar verrückten Künstlern anhing, von Surrealisten kolportiert wurde und den Neuen Wilden wieder zupass kam. Sie alle sind in ihren Bedürfnissen und Nöten nicht anders gestrickt als andere, sie machen nur etwas anderes daraus.
Und dabei geht es um Ausdrucksfähigkeit, da kommt die Metapher wiederum ins Spiel. Das Ergebnis muss nicht immer „ausdrucksstark“ sein im Sinne von überwältigend, von großem Orchester. Subtiles, Feines, Zurückhaltendes hat seinen eigenen Ausdruckscharakter.
Künstler*innen nehmen sich die Freiheit und kultivieren die Mittel, etwas darzustellen, was Eindruck macht. Ausdrucksfähigkeit bezeichnet ihre Eloquenz in diesem Prozess, auch hier nicht präzise im Sinne desjenigen Sprachgebrauchs, der nur einen unbewussten Ausdruck kennt. Ob sie in ihren Werken unter anderem etwas ausdrücken, verraten, was nicht zu ihrem Plan gehörte, ist zunächst nebensächlich – und von wechselnden Kontexten und Betrachtungsweisen abhängig, also per se nicht planbar.
Als Betrachter können wir uns spontan auf die Darstellung einlassen und unseren Eindruck gewinnen, das ist ja immer der Ausgangspunkt auf dem Weg zum besseren Verständnis. Wie wir reagieren auf die Kunst, das ist, um im Bild zu bleiben, Ausdruck unserer eigenen Fähigkeiten.