
Seitdem Menschen mit dem Stock im Sand oder mit einem Stück Kalk auf der Felswand Linien ziehen können, gibt es Zeichnungen. Bewohner aller Weltgegenden praktizieren das seit vielen Tausend Jahren – zeichnen ist universell, dabei immer schon abstrakt oder gegenständlich. Die Anwendung reicht heute von der Kinderzeichnung über die Informationsmedien bis in die spezialisierten Bereiche technischer Berufe. Zeichnen ist Alltag, ob Handschrift oder Computerprogramm. Schon von daher erschließt sich dem künstlerischen Zeichnen ein weites Feld an Themen und Techniken.
In Europa galt es für Künstler*innen lange Zeit, die festen Konventionen des Genres zu überwinden, die aus der Renaissance und damit letztlich aus der griechischen Antike herrührten. Im Konzept des „Disegno“ war der leere Zeichengrund Projektionsfläche für die kulturell anerkannten Ideen, ein Illusionsraum für Bilder des Denkens. Um das Zeichnen zu einem vielseitigen Mittel künstlerischer Entdeckungen und neuer Erfahrungen machen zu können, gingen Zeichner eigene Wege. Das war nicht immer bewusste Strategie, oft setzte sich der Eigenwille oder Expressionismus der Hand mehr oder weniger deutlich durch.
Diese Befreiung von akademischen Traditionen, in denen überlieferte Themen und Formen die Praxis bestimmten, begann schon früh mit einigen selbstbewussten Menschen, die zwar den Bräuchen noch folgten, aber auf ihre ganz eigene Weise. Solche Stars waren Albrecht Dürer mit seinen Traumzeichnungen schon im 15. Jahrhundert, Francisco de Goya mit seinen politischen Bildern im 18. oder Edgar Degas mit seinen experimentellen Linienführungen im 19. Jahrhundert. Es gab aber auch weniger bekannte eigenwillige Zeichner wie Hercules Seghers, der im 17. Jahrhundert die Abstraktion vorwegnahm, oder im 19. Jahrhundert Victor Hugo, der als Schriftsteller natürlich ein Star war, als Zeichner aber unter dem Radar lief und sich deshalb in diesem Metier von äußeren Ansprüchen frei fühlte.
Die Vorstellung, es gebe ein schöpferisches Subjekt, das mit geübter Hand und – wenn nicht durch göttliche Eingebung – von seinem Sehen, Wissen und Denken kontrolliert Liniengebilde zu Papier bringt und damit eine absolute Wahrheit darstellt, spielt heute für Zeichner*innen keine Rolle mehr. Die Linie muss nicht dienendes Mittel der Darstellung sein, sie ist selbst Stoff und Ziel des Zeichnens. Jedes Werk kann seine eigene Wahrheit erzeugen.
Die Avantgarde war gründlich und wendete sich später auch gegen neue Konventionen. Gegenstandslose Gesten waren im Surrealismus und mehr noch im Informel der 1950er Jahre Ausdruck der Persönlichkeit, unmittelbare Äußerung von Unbewusstem. Doch an diese Subjektivität glaubten viele Künstler*innen ab den 1960er Jahren nicht mehr. Unmittelbarkeit stand nun ebenfalls unter dem Verdacht, idealistisch und konstruiert zu sein. „Befreiung vom Ausdruck“, darauf zielten die Konzepte der minimalistischen Reduktion und praktische Verfahren, die zeichnende Hand zu stören oder zu ersetzen. Jedes einschränkende Kriterium für das freie Zeichnen, das sich denken lässt, wurde im Lauf der Zeit angegriffen. Bis auf die Linie, an der kommt Zeichnen als visuelle Gestaltung einfach nicht vorbei.
Dabei muss es kein Mensch sein, der zeichnet, es geht auch mit programmierten Apparaten aller Art. Es müssen nicht die üblichen Mittel wie Grafit, Kohle oder Kreide sein; Linien ziehen kann man auch auch mit Fäden, Kabeln, Ästen oder mit Laserstrahlen. Zufallsoperationen reduzieren die Kontrolliertheit; das Zeichnen startet nicht mehr mit einer Idee. Statt der Hand werden andere Körperteile mit Bleistiften ausgestattet. Und alles kann zum Zeichengrund werden, was eine Fläche bietet: Bauteile, Haut, Textilien, Fahrzeuge usw. Die Projektionsfläche ist zum Aktionsraum geworden, Fragment eines offenen, unendlichen Zeichenfelds.
Wie die Linie auch immer auf welchen materiellen Träger kommt: Die ästhetische Faszination des Vorgangs ist meist dieselbe, wie bei der klassischen Handzeichnung. Einen Anfang muss gemacht werden auf der noch leeren Fläche – ein heikler Moment, der viel entscheidet. Der erste Strich setzt eine Markierung und damit eine Vorgabe für alles Folgende. Was jetzt in Gang kommt, das fordert heraus – die Sensibilität und die Lust an dem Spiel zwischen Sehen, Denken und bewusstem wie unbewusstem Handeln.