
Die „Liegende Frau nach rechts, mit Rüschengewand“, die Gustav Klimt (1862 – 1918) mit geübter Hand zu Papier brachte, bietet ein schönes Beispiel für Linien, die zwar gegenstandsbezogen sind, gleichzeitig aber ins Ornamentale ausschwingen. Das war 1904 im Jugendstil in der Zeichnung möglich. Mit den schwungvollen „Rüschen“, die hier schon viel Raum einnehmen, würden nur einige Jahre später Zeichner*innen das gesamte Blatt abstrakt gestalten.
Für die Befreiung der Linie vom Gegenstand haben Künstler wie Paul Klee (1879 – 1940) zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktisch und theoretisch viel geleistet. 1920 wurde Klee als Meister ans Bauhaus berufen, er erforschte und lehrte dort die Grundlagen des bildnerischen Denkens. In seinen Zeichnungen aktivierte er das Eigenleben der Linie, um sie aussagekäftiger zu machen: Sie sollte nun auch Zeit und Bewegung darstellen.
Gertrud Goldschmidt, Künstlerinnenname „Gego“ (1912 – 1994), beschritt diesen Weg entschieden weiter mit ihren „vierdimensionalen Zeichnungen“, die sie mit zum Teil raumfüllenden Drahtkonstruktionen verwirklichte. Der Weg des Publikums durch die begehbare Zeichnung und die unterschiedlichen Perspektiven, die sich dabei nach und nach boten, waren Teil ihrer Planung.
Drahtlinien, die zusammen mit ihrem Schattenwurf vielgestaltige räumliche Zeichnungen ergeben, haben viele Künstler*innen entworfen. Das klassische Verhältnis von Figur und Grund war damit aufgelöst, und das wirkte auch zurück auf das Verständnis für zweidimensionale Werke. Deren nicht bezeichneter Raum galt nun nicht mehr als bloßer Träger des Eigentlichen, sondern ebenfalls als Zeichnung.
Das war bereits im Ornament Klimts angelegt, und die ornamentale Zeichnung bildete danach eine starken Zweig in der Entwicklung des Genres. Gerade bei jüngeren Handzeichnern, wie Chris Ofili (Jg. 1968), der Figuren in Patterns (Muster) aufgehen lässt oder amorphe Strukturen über das gesamte Blatt legt. Tony Cragg (Jg. 1949) treibt Konturen (die Gegenstände seiner plastischen Arbeiten) ineinander, verdichtet sie zu Clustern.
Die klassische Zeichnung weiter entwickeln, aus ihren Kategorien, Mitteln und dem Material etwas Eigenständiges zu machen, diese Absicht eint die meisten Zeichner*innen bis in die Gegenwart. Die radikale Aufkündigung aller Errungenschaften war nicht das Ziel der Mehrheit. Die Kritik an den Konventionen, für deren Konservierung es nur in (pseudo- altmeisterlichen) Nischen noch Interesse gab und gibt, kommt hier aus dem Spiel mit den tradierten Möglichkeiten und ist auch gerne ironisch, so wie bei Markus Raetz (1941 – 2020), der mit einer Drahtzeichnung und einem Spiegel das Konzept der Kontur ad absurdum führt: Der Hase wird im Spiegel zum Mann mit Hut (womit in einem ein Idol der neueren Kunstgeschichte belächelt wird, der Hasenversteher Joseph Beuys).

Heinrich Küpper (1919 – 2009) war ein exzessiver Zeichner in allen Lebenslagen. Seine Kritzelbilder, ganze Teppiche von grafischen Kürzeln in kleinen und großen Formaten, flossen ihm aus dem Handgelenk. Er lauschte dem Murmeln des Flüsschens neben seinem Haus und übersetzte das in Linien. Oft versuchte er, mit strengen Geraden dem mäandernden Zeichenstrom formale Grenzen zu setzen, als müsse er einen Damm bauen. Küpper profitierte von der Befreiung des Zeichnens, ihm war damit eine Tür zu seinem Lebenselixier geöffnet.
Linien kann man aus vielerlei Material machen, das war für die Land-Art-Künstler*innen auch eine Notwendigkeit. Richard Long (Jg. 1945) markierte seine Bewegungen im Gelände mit Steinreihen; Magdalena Jetelova (Jg. 1946) zeichnete mit Laser-Strahlen in die freie Landschaft.
Victor Bonato (1934 – 2019) legte aufs weiße Blatt einen schlappen roten Gummiring, untertitelt: „Die Karikatur des Kreises“. Mit dieser lapidaren Materialzeichnung war der pure Minimalismus ironisch gebrochen. Gar nicht witzig meinte dagegen Jiří Nečas (1955 – 2018) seine Verwendung solcher Gummiringe: Er taucht sie in schwarze Tusche und warf sie aufs Papier. Der Zufall, den er damit herausforderte, war für ihn Ausdruck einer mystischen Ordnung, die man nicht erklären, nur sichtbar machen kann. „Wovon man nicht sprechen kann, das soll man zeichnen“, lautete seine Variation zu Wittgensteins bekanntem Diktum.
Die feinen Ritzzeichnungen von Hans Delfosse (Jg. 1950) sind technisch von der Kunst der Radierung inspiriert. Ins schwarz gefärbte Blatt zieht er mit spitzem Instrument weiße Linien, die entstehen, indem er die Farbe wegnimmt. Es gibt hier keinen kategorischen Unterschied zwischen Figur und Grund. Delfosses gegenstandslose Erfindungen sind immer in Bewegung zwischen geometrischer Ordnung und der Störung dieser Ordnung, bzw. der Variation der Linien und Formen.
„Der Faden hält die Welt zusammen!“ sagt Carola Willbrand (Jg. 1952), und die textile Linie verbindet auch die Genres ihrer Kunst von der Zeichnung über die Installation bis zur Performance. Die Textur getragener Kleidung von Menschen, die eine Bedeutung für die Künstlerin haben, ist sprechendes Material, und die Zeichnungen mit der Nähmaschine auf verschiedene Materialien sind ein wichtiges Kapitel in ihrem Werk. Ihre geheimnisvollen Figuren und die Künstlerinnen-Porträts erzählen Geschichten.
Mark Met (Jg. 1955) porträtiert mit Kohle oder Farbstiften Typen, die mit einer Maske, einem Rollenklischee auftreten: Kasper und Teufel aus dem Handpuppen-Theater, Spielzeug-Figuren, aber auch afrikanische Idole aus der Produktion für Touristen, und nicht zuletzt Tiere. Mal sind die Figuren detailliert geschildert, mal freier notiert. Überblendungen der Silhouetten zu neuen Mustern und die Auflösung in freie Lineaturen verwendet er ebenso wie Collagetechnik.

Christine Haller (Jg. 1969) will erklärtermaßen Bilder aus dem Kopf aufs Papier entlassen. Allerdings ist das kein Rückgriff aufs Disegno, denn ihre Imaginationen sind stark an das Körpergefühl, den Rhythmus von Hand- bzw. Armbewegung und des Atmens gebunden. Mit Bleistiften, farbiger Kreide und Ölfarbe direkt aus der Tube gestaltet sie organische Formen, vielschichtige Gebilde, die zu pulsieren, zu wachsen oder sich auszubalancieren scheinen.
Zeichnen kann man auf alles, was standhält. Von Lichtprojektionen wird das Trägermedium mechanisch gar nicht belastet. Zilla Leutenegger (Jg. 1968) verbindet die Wandzeichnung (in einem Werk: die Kontur des realen Objekts Treppe und die Kontur einer Treppenzeichnung auf der Wandfläche darüber) mit einer bewegten Projektion gezeichneter Figuren. Der Betrachter befindet sich auch hier wieder im vierdimensionalen Zeichenraum.