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Abstraktion

Farbenfrohe Dauerschleife

Vor 409 Jahren: Das erste bekannte schwarze Quadrat der Geschichte, von Robert Fludd 1617 entworfen, sollte Sinnbild für die Unendlichkeit des Nichts vor der Erschaffung der Welt sein. Sausen wir auf dem Zeitstrahl in die Gegenwartskunst, finden wir noch immer Farbflächen, die ins Unendliche verweisen. So in der Arbeit „Film Sculpture (3)“ von Philipp Fleischmann aus dem Jahr 2022, die jetzt in der Kunsthalle Wien zu sehen ist.

Die abstrakten Bilder haben derweil das Laufen gelernt. Der österreichische Künstler, Jahrgang 1985, hat eine Apparatur konstruiert, in der ein klassischer 16-mm-Analogfilm durch einen Projektor, von dort etwa einen Meter frei durch den Raum zu einem Ständer mit Umlenkrollen geführt wird, der den Filmstreifen auffächert in parallele Spuren. Die äußere Bahn wird von innen beleuchtet, so dass die wechselnden Farbflächen ins Auge springen, die wenig später vom Projektor auf eine kleine Leinwand auf der anderen Raumseite projiziert werden. Gelb, Blau und Rosa: Die Farbzonen tanzen und flimmern, sind mal in Wellen, mal in Rechtecke aufgeteilt. Lebendiges Farbenkino; eine Plastik, die rauscht und rattert.

Der Infotext an der Wand lehrt uns, dass wir es hier mit „queerer Abstraktion“ zu tun haben. Diese Verquickung von Queer Theory und Kunst positioniere sich gegen „Klarheit, Stabilität und rigide Definitionen“. Konkret lehne Fleischmann die „Vorstellung von Film als fixierte Aufnahme der Realität ab“ und zeige „ihn stattdessen als Wahrnehmung und Erlebnis, dessen Fluidität durch das sich kontinuierlich verändernde Material performt wird“.

Abstrakte Bilder sind prinzipiell offen für die Aufladung mit Bedeutungen. Gerade das schwarze Quadrat hat seit 1617 für unterschiedliche Zuschreibungen herhalten müssen. Trotzdem war die „queere Abstraktion“ als Eigenschaft des netten Farbenspiels für mich eine Überraschung. Was könnte man alles als fluides Erlebnis anführen, das sich Festlegungen widersetzt – zumal in Wien. Aber es stimmt etwas nicht mit dem Attribut, es gibt einen Widerspruch im Werk selbst: Fleischmanns Film dreht sich in einer Schleife, im begrenzten Kreis. Glaubt man an das Potenzial der Abstraktion, Sinn-Inhalte – wie eben „queere Abstraktion“ – über die Form zu erzeugen, dann zeigt diese Installation das Bild des fröhlichen In-sich-Kreisens, die Festlegung auf die unendliche Wiederkehr des Gleichen.

Nehmen wir die Zumutungen für die abstrakte Form aber per se nicht zu ernst, gestatten wir uns, die Zuschreibungen nicht unbedingt zu glauben, dann ist das wohl der Ausweg ins Offene. Fluider wird`s nicht.

(Kunsthalle Wien: „Lebt und arbeitet in Wien. Contemporary Art from Vienna“, Gruppenausstellung zu sehen bis 26. Oktober.)