Hübsch hässlich

Max Ernst: Die Horde (1927)

Die „schönen Künste“, das war mal ein Begriff, der den Werken von Künstler*innen unterstellte, sie verbreiteten nichts als Wohlgefallen und moralisch Gutes. Oder die Utopie einer besseren Welt, in der Hässliches und Schlechtes keinen Platz haben. Der Nervenkitzel durch abscheuliche Bildmotive und Szenen – Martyrien, Höllenfahrten, Tod und Teufel -, die es bekanntlich auch zu sehen gab, diente moralischen Lehren. Das Hässliche findet sich hier formal ästhetisiert und so wieder genussfähig dargeboten. Schreckliches wurde erbaulich im Erhabenen, Groteskes war und ist unverzichtbar in der Karikatur. Demnach: Das hübsch Hässliche hatte immer seinen Platz in den „schönen Künsten“, doch stets abgewertet zum Negativen des Schönen.

So lässt sich verstehen, dass die erste begriffssystematische Erörterung des Phänomens in der Kunstphilosophie, die „Ästhetik des Hässlichen“ von Karl Rosenkranz (1853), das Hässliche als Spezialfall, ja als Unfall des Schönen beschrieb, als Dissonanz zur Harmonie, ohne eigenen kategorialen Stand. Zur selben Zeit indes entwickelten sich in Malerei und Literatur realistische, später naturalistische Denkweisen und Strategien, die die überlieferten Ideale in Frage stellten. Die ästhetische Gesetze postulierenden moralisch-philosophischen Autoritäten sahen sich mit empirischen Mitteln entthront. Ob etwas als schön oder hässlich empfunden wird, so die neue Erkenntnis, ist Sache der individuellen Perspektive, die aber nicht rein willkürlich, sondern stark durch kulturelles Lernen bestimmt wird.

„Der Kretin ist noch hässlicher als der Neger“, solche heute unerträglichen Äußerungen wie die des Ästheten Rosenkranz zeugen davon, dass die Aufklärung noch einiges zu tun hatte (und hat), um unreflektierte kulturelle Vorurteile aufzulösen. Was der Mensch seit Zehntausenden von Jahren verinnerlicht hat: sinnvollerweise spontan zu registrieren, was gefährlich (hassenswert) und was nützlich ist im Leben, kann sich auch als falsch erweisen und sich ändern. Das sichtbar zu machen, dazu brauchte es Realismus, den wissenschaftlichen und künstlerischen wie den persönlichen.

Alltagsszenen in der Malerei, wie der Blick auf Steineklopfer und Absinthtrinker, zielten nicht aufs Seelenheil, sondern auf soziale Empathie im Diesseits. Das Hässliche wurde zur selbstständigen Kategorie, weil die Wirklichkeit als immer hässlicher empfunden wurde. An der formalen Ästhetisierung des Schmuddeligen und Scheußlichen änderte sich im sozialen Realismus grundsätzlich nichts; das Hässliche war immer noch ganz hübsch.

Die Künstler*innen der Moderne räumten auch damit auf. An Duchamps Urinal, betitelt „Fountain“ (1917) ist an sich nichts ästhetisiert, diese Aufgabe liegt nun beim Kontext: Der Künstler stellt das Objekt in eine Ausstellung, das genügte. Schön oder hässlich sind spätestens seitdem für die Inhalte der Kunst keine bestimmenden Kategorien mehr. Gleichwertigkeit der Phänomene bedeutet indes nicht, dass das Hässliche seinen Reiz verloren hätte. Wenn Arman gefundenen Abfall auf einen Bildträger montiert („Kleiner bürgerlicher Müll“), entsteht ein Ornament mit eigenem ästhetischem Wert.

Damit sind wir bei den Werkbeispielen angekommen, von denen ich zehn ausgesucht habe. Historisch beginnend bei Hans Baldung-Grien: „Der Tod und das Mädchen“, entstanden um 1513. Der monströse Untote mit dem Stundenglas ergreift das bleiche Mädchen, das ihm vergebens zu entfliehen sucht – das typische Memento mori: die Moralthese, dass Schönheit vergänglich ist und das hässliche Ende gewiss. Abweichungen vom als normal empfundenen Körperbild, die Auflösung der Konturen, die sichtbare Verwesung, das sind immer wieder in der Kunst geschilderte Phänomene des Ekel und Abscheu Erregenden. Im 20. Jahrhundert erfanden die Maler*innen Formen, die die menschliche Figur total auflösten in nicht mehr definierbare organische Strukturen. Max Ernst malte „Die Horde“ 1927, eine Gruppe wildbewegter Gestalten, die nur soweit an Menschen erinnern, dass der Betrachter noch das Gefühl schauderhafter Deformation erleben kann. Die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Pflanze verschwimmen – darauf beruhten schon romantische Schauermärchen. Max Ernst hatte klare Absichten:
„Ein furchtbarer Krieg hatte uns um fünf Jahre unseres Lebens betrogen. Wir haben erlebt, dass alles, was uns als gerecht, schön und wahr überliefert worden war, in Lächerlichkeit und Schande zusammenbrach. Meine Werke dieser Zeit sollten nicht bezaubern, sondern aufheulen lassen.“

Surrealismus ist hier der Realismus des Hässlichen, und in diese Kategorie gehört auch Otto Dix’ Bild „Grabenkrieg“ von 1932. Die beiden Soldaten verschmelzen mit der zerstörten düsteren Landschaft; Uniform, Bäume, alles ist zerfetzt, der Blick unter dem Stahlhelm starr vor Entsetzen. Dix malte die Szene 14 Jahre nach dem Ende des ersten Weltkriegs, kaum ahnend, dass nur sieben Jahre später der zweite beginnen sollte.

Das Thema "Ästhetik des Hässlichen" diskutiert die offene Gesprächsrunde bei "Kunst & Brot" in der Stadtbibliothek Siegburg (Griesgasse) am Donnerstag, 16. Oktober, ab 18 Uhr.

Das Hässliche als solches zeigen und damit eine Anklage verbinden, einen moralischen Appell, das gehört über die Jahrhunderte zur Rhetorik der Künste und findet sich in politisch-aktivistischen Kunstformen bis heute. Mit der Provokation der Auflösung des menschlichen Körpers arbeitete noch Jana Sterbak, so bei ihrem Auftritt 1987 in einem Fleischkleid, zusammengenähte Stücke rohen Fleisches, die nicht nur fürs Auge, sondern auch für die Nase etwas boten. Ganz klassisch „Vanitas“ nannte sie das Werk, das sie in Beziehung zur Diagnose der Magersucht setzte. Fleisch und Blut gelten an sich nicht als hässlich, die Verwendung und der Kontext sind hier entscheidend. Wohl keiner hat größere Blutskandale ausgelöst, als Hermann Nitsch mit seinen Schweine- und Rinderblutorgien in seinem Mysterientheater. So in der „Malaktion mit Tierblut“ 2004, in der eine weiß gekleidete, später rot triefende Gruppe sich auf der Bühne in action painting übte. Eine Monstranz wurde dabei hochgehalten; Nitsch ging es um die Übersteigerung katholischer Rituale. Das Hässliche endete im Absurden.

Wie erwähnt, haben Künstler wie Duchamp und Arman, aber auch Vertreter des Abstrakten Expressionismus – Wols, Pollock, Fautrier, Vedova und andere – dem Hässlichen und Morbiden einen eigenen ästhetischen Wert zugebilligt, ohne es als das bloß Unschöne zu instrumentalisieren, ohne zu moralisieren. Alles konnte Motiv sein, auch die Reste abgerissener Plakate auf einer verwitterten Wand. Unzählige vor allem fotografische Werke belegen das.

Das Schöne und das Hässliche gleichberechtigt – wie schön. Aber Hierarchien sind deshalb nicht ganz aus der Kunstwelt verschwunden, denn da gibt es noch das unfreiwillig Hässliche, das misslungene Werk. Auch dafür gibt es zahllose Beispiele; hier sollen zwei reichen: „Schreitende Kugel“ betitelte der Bildhauer Michael Schwarze eine Bronzeplastik, ein Auflagenobjekt. Aus der Kugel wachsen zwei Füsse, ebenso ein rechter Unterarm mit Hand, und die linke ragt nach unten aus dem Kugelbauch wie die Karikatur eines Geschlechtsteils. Die typische groteske Körperentfremdung – soll man das als gelungenen Witz auffassen? Die „schreitende Kugel“ kann alles andere als schreiten, rollen geht auch nicht und die linke Hand zu ergreifen verbietet die Schicklichkeit. Insgesamt ein trauriger Anblick.

Eine ungefähre Symmetrie ist für die Gestalt generell ein positiver Befund, ohne sie scheint der Körper weniger gesund, daher gilt die Formauflösung ja als kritischer Prozess, der Ängste auslöst. Kann Symmetrie also hässlich sein? Victor Vasarely gelingt das, so in seinem Bild „Relat“ (ca. 1978). Horizontal und vertikal gespiegelt in quadratischem Format, demnach vier kleinere Quadrate ergebend zeigt sich die Grobstruktur. Sie ist gefüllt mit perspektivisch verzerrten Kreisen, die in vielen kleinen Quadraten sitzen. Es ergibt sich eine rudimentäre Räumlichkeit, in der der Blick wandern kann, ohne irgendwo zu landen bzw. im Immergleichen. Die zwanghafte Wiederholung selbst des Schönen führt ins Hässliche, das war schon die These der klassischen Ästhetik. Vasarely bringt so auch die Farbtöne Blau, Violett und Rot noch in die Bredouille.

Ach, was ringe ich mir da für Sätze ab, mühe mich um sinnvolle Argumente, wenn ich stattdessen einfach den Algorithmus fragen kann. „Hässliches Bild“ lautete ganz simpel meine Eingabe in den Bildgenerator „stable diffusion“ – und prompt, als sei nichts einfacher, kommt das:

Artigart mit Stable diffusion: Hässliches Bild (2025)