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Abstraktion

Eigenständige Bildwelten

Gestische Abstraktion: Der Flug der Engel, von Tommaso Campanella 1607

„Abstraktes Bild“ ist zunächst ein Alltags-Begriff, der meint, dass nichts Gegenständliches zu erkennen ist, kein Mensch, kein Tier, keine Landschaft, kein wie immer geartetes reales Objekt. All dies ist „abgezogen“ von der Darstellung, es bleiben nur Linien, Strukturen, Farbflächen. Kunstwissenschaftlich ist der Begriff „Abstraktion“ komplizierter als der landläufige, da wird unterschieden zwischen abstrakt, konkret, konstruktiv und ornamental, den vier Kategorien ungegenständlicher Werke. Das möchte ich hier im Hintergrund lassen und den allgemeinen Begriff verwenden, weil die frühen gegenstandslosen Bilder vor 1910 sich kaum einordnen lassen in eine dieser Sparten. Sie folgen keiner Theorie der Abstraktion oder Konkretion; die Vorläufer der Moderne fanden die unterschiedlichsten Wege weg vom Realismus oder Naturalismus, meist spielerisch und experimentell. Einige der „Abstrakten“, die ich vorstellen möchte, verstanden sich in erster Linie als Autoren, nicht als Maler. Gerade deshalb konnten sie sich freier fühlen, die Konventionen des Kunstmetiers zu durchbrechen, bewusst mit Ironie oder fasziniert von Zufalls-Entdeckungen.

Ungegenständliche Bilder – Ornamente, rhythmische Strukturen – sind schon in der Steinzeit nachweisbar. Die Geschichte der Bilder beginnt offenbar nicht mit Naturnachahmung. Insofern war die Möglichkeit, die Formen und Farben frei zu verwenden, gegeben, auch wenn keine direkten Einflüsse auf Bilder der Neuzeit nachweisbar sind. Die Inspirationen aus alten und/oder außereuropäischen Kulturen und ihren Abstraktionen spielen erst viel später in der Moderne eine Rolle. Doch seit dem frühen 17. Jahrhundert bereits mehren sich die Beispiele für Bilder, die nichts abbilden wollen. Oder die auf diese Weise das Nichts abbilden wollen, denn einen Bild-Sinn verbinden manche Autoren mit ihren Werken. Andere erzeugten neue Bildformen, ohne an beschreibbare Sinngebungen anzuknüpfen. Sie entwickelten die Kunst – seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert – in Richtung einer Autonomie, die 100 Jahre später philosophisches Programm wurde.

Deshalb sind sie nicht einfach nur marginale Vorläufer; ich halte sie für wichtige Pionierinnen und Pioniere der Abstraktion. Schwarze Bildflächen seit dem 17. Jahrhundert weisen den Originalitätsanspruch vom Malewitsch in Schranken. Die Moderne ab 1910 habe die Abstraktion zwar nicht erfunden, aber erst mit ihr seien diese Werke als ernsthafte Kunst betrachtet und mit Theorie-Konzepten begründet worden, das ist eine Auffassung der Kunstwissenschaft, die bestreitbar ist. Es gab auch zuvor theoretische Ansätze (Cozens, Gartside), und anerkannte Maler (Turner) meinten es ernst. Übersehen wird gerne auch, dass ornamentale Arbeiten des späten 19. Jahrhunderts (van de Velde) heute nicht mehr als Dekoration zu vernachlässigen sind. Es gibt faszinierende, eigenständige Bildwelten von hoher Qualität zu entdecken.

Um die frühe Abstraktion seit dem 17. Jahrhundert geht es in der Gesprächsrunde von „Kunst & Brot“ am Donnerstag, 15. Oktober, ab 18 Uhr in der Stadtbibliothek Siegburg, Griesgasse.