Radikale Zeichner

Für manche bemerkenswerte Zeichner*innen war es wichtig, die klassische Linie zu stören oder zu verhindern. Das Konzept der Wahrheitsfindung in der Handzeichnung, das so lange alles bestimmt hatte, verweigerten sie, um selbstbestimmt zeichnen zu können. Legendär ist die Aktion von Robert Rauschenberg (1925 – 2008), der 1953 eine Zeichnung von Willem de Kooning ausradierte (mit dessen Erlaubnis). Die Gesten des abstrakten Expressionismus wie das Handzeichnen überhaupt sagen nichts aus und sind obsolet, lautete die Botschaft.

Ebenfalls in den 50er Jahren ging es Cy Twombly (1928 – 2011) wie Rauschenberg um den radikalen Bruch mit den Traditionen, auch mit der des vermeintlichen Ausdrucks reiner Ursprünglichkeit in der Zeichnung. Er setzte dazu auf das Linkische und Gekritzelte, das keine inhaltliche und formale Bedeutung erzeugt. Manche seiner Blätter entstanden im Dunkeln, um die visuelle Kontrolle auszuschalten.

Immer neue Konzepte wurden entwickelt, um subjektives Zeichnen und absichtsvolles Darstellen zu vermeiden. William Anastasi (1933 – 2023) setzte sich in die New Yorker U-Bahn, ein Zeichenbrett auf den Knien und in jeder Hand einen Bleistift aufs Papier gehalten. Er agierte als Seismograf des Rüttelns und Schüttelns, Bremsens und Beschleunigens während der Fahrt, woraus vordergründig abstrakte Liniengebilde resultierten.

Kopfbewegungen statt Handarbeit beim Zeichnen ermöglichte sich Rebecca Horn (1944 – 2024), in dem sie eine Maske konstruierte, an die sie zahlreiche Bleistifte montierte. Die Künstlerin steigerte, wie Anastasi auf seine Weise, die Wirkung der Körpermechanik zulasten der Gedankensteuerung. Es erscheint nur konsequent, dass sie auch Zeichenmaschinen baute, filigrane und kuriose Instrumente, die Tusche auf Wände schleudern.

Benoit Tremsal: Zeichnung (mixed media), 2014

Benoit Tremsal (1952 – 2022) entwickelte Zeichen-Konzepte, die Fragmente unterschiedlicher Realitätsebenen zu formal spannungsreichen Bildern vereinten. Mit dem Stift und mit der Schere erarbeitete er Motive, die er collagierte, verbunden auch mit eigenen Fotos. Zufallsspuren wie Kleberreste integrierte er. Architektonische Elemente, Figuren, Landschaftsausschnitte und abstrakte Geometrien bilden neue Wirklichkeiten.

Karoline Bröckel (Jg. 1964) kehrt das Verhältnis um: Nicht die Augen steuern die Hand und damit Linien auf dem Papier, sondern in der Natur gesehene Bewegungen veranlassen die Bewegungen ihrer Hand. Sie beobachtet den Flug von Vögeln, gern die akrobatischen Aktionen von Schwalben, und zeichnet sie live aufs Blatt. Es entstehen schwingende, sich kreuzende Gesten – aus äußerem Anlass.

Wenn der Betrachter des Werks die Linienzeichnung in Gang setzt, nimmt der Künstler sich damit noch ein Stückweit mehr zurück. Das gehört zum Konzept von Jeppe Hein (Jg. 1974), der eine Stahlkugel mit einem Bewegungsmelder ausstattete. Die aktivierte Kugel rollte durch den Ausstellungsraum und hinterließ an den Wänden eine Abriebspur, eine Wandzeichnung samt demolierter Steckdose.

Gerade bei den Radikalen gehört Humor oft dazu. Auf die Spitze trieb es Trevor Lloyd (Jg. 1983) mit seiner absurden Zeichenperformance der Selbstbehinderung. Um den Anspruch, ein ähnliches und interpretierendes Porträt seiner Mutter herzustellen gar nicht erst aufkommen zu lassen, zeichnete er es mit verbundenen Augen, auf dem Kopf stehend mit der (ungeschickten) linken Hand. Er wiederholte das oft, eine Form von Beschwörungsritual mit zeichnerischen Mitteln.